Neues Leben im alten Bahnhof
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SIBYLLE RYSER

 

Der Bahnhof St. Johann wird charmantes Zentrum des neuen Vogesenplatzes und Sprungbrett für junge Kreative.
Es ist ein Bild fürs urbane Poesiealbum. Rechts schickt der rotweisskarierte Kamin der städtischen Kehrichtverbrennung schmucke Dampfwölkchen in den blauen Herbsthimmel. Vom linken Rand grüssen die drei Entenweid-Hochhäuser und erzählen von einer Zeit, als der Fortschritt noch unschuldig war. Direkt gegenüber blühen Dahlien und späte Rosen in den Familiengärten, die am Bahndamm tapfer die real existierende Idylle behaupten.
Diesen Blick aufs Quartierpanorama werden die künftigen Gäste des Bistros geniessen können, das derzeit im linken Flügel des Bahnhofs St. Johann Gestalt annimmt. Von der vorderen Seite des grossen Raumes blickt man auf den neuen Vogesenplatz, das Zentrum des ambitionierten Stadtentwicklungsprojekts Pro Volta. Nach langer, intensiver Bautätigkeit ist der Komplex fertiggestellt, die drei grossen Wohnsiedlungen, entworfen von namhaften Basler Architekturbüros, fügen sich in schöner Selbstverständlichkeit zu einem Ensemble und sind weitgehend bezogen. Wie ein surrealer Eisbrecher schiebt der zentrale helle Bau seinen Bug in den Asphalt, einzelne Brocken scheint er zur Seite befördert zu haben. Etwas verloren liegen die Betonelemente da, bieten sich Wartenden als Sitzgelegenheiten, Kindern als Klettergerät, Skatern als Hindernisse an. Noch lebt der Vogesenplatz nicht richtig, noch atmet er das eigenartig Verwaiste neuer Siedlungen.
Vielversprechende Mischnutzung. Der Bahnhof St. Johann könnte zur Seele des Platzes werden. Sein äusserer Charme verdankt sich architektonischer Patina, seine inneren Werte jugendlichem Tatendrang: Anfang Dezember eröffnet hier das Stellwerk, das nebst dem Gastrobetrieb (den die Beizer des ‹Alten Zoll› führen werden) auch einen Showroom für junges Design und ein Gründerzentrum für Kreativwirtschaft beherbergt. Ein Jahr später ist – doch noch – die Eröffnung eines Dampfbads geplant, und ab 2012 sollen alte Schlafwagen auf einem nutzlos gewordenen Rangiergleis als Backpackerhotel dienen.
Der junge Betriebswirt Olivier Wyss hat das Gesamtprojekt konzipiert; 2006 beauftragte ihn die Jacqueline Spengler Stiftung mit der Projektentwicklung eines ‹Musik- oder Kunstbahnhofs›, Wyss empfahl stattdessen die jetzige Mischnutzung. Zwei Jahre dauerten die Verhandlungen mit der Eigentümerin SBB, die auch den Abriss des Gebäudes in Betracht zog. 2008 holte Wyss Barbara Buser und später Florian Blumer an Bord. Sie gründeten den Verein Stellwerk und sind dessen Vorstand, Wyss amtet als Geschäftsführer. Für die Umsetzung des Konzepts und den Betrieb sorgen Monica Guarnaccia, Jan Knopp, Angie Ruefer, Michael Schär, Oliver Wyss und Magnus Zwyssig.
Richtig ernst genommen wurde der Verein von den SBB ab Frühjahr 2009, nachdem die Jacqueline Spengler Stiftung 250’000 Franken Startkapital gesprochen hatte. Nun vermieten die SBB den Bahnhof an den Verein und beteiligen sich mit der Hälfte am Gesamtbudget von 3 Millionen Franken; weitere Stiftungen und ein Bankkredit ermöglichen damit die erste Tranche des Umbaus. Die Finanzierung des Dampfbads, das Barbara Buser nach dem Scheitern des Hamam-Projektes plant, ist noch nicht gesichert, aber auf gutem Weg.
Kreativlabor Stellwerk. Das Gründerzentrum bildet das Herzstück des Stellwerk. ExponentInnen der Kreativwirtschaft (Grafiker, Architektinnen, Produkt- und Möbeldesigner, Modemacherinnen etc.) können hier Räume mieten, deren tiefe Anfangsmieten den Einstieg in die Selbstständigkeit erleichtern sollen. Die Nutzung der Infrastruktur (Internet, Gemeinschaftsräume, Sitzungszimmer) ist in den Mietzins eingerechnet, der hauseigene Shop bietet den Jungtalenten einen ersten Marktzugang. Weitere Zusatzangebote sollen folgen, ein sechsköpfiger Beirat diskutiert derzeit Vorschläge.
Die jungen Kreativen hätten alle ähnliche Probleme, sagt Olivier Wyss. Viele Ideen, wenig Geld, kaum betriebswirtschaftliches Know-how und keine Lobby. Diese Charakteristika sind nicht zuletzt dem Selbstverständnis der Szene geschuldet: Individualismus wird grossgeschrieben, Geld verdienen kommt (vielleicht) später. Man sieht sich jedoch nicht als Opfer, sondern als Pioniere; etwas mehr Wertschätzung vonseiten Staat und Gesellschaft wünschte man sich hingegen schon. Olivier Wyss kennt die Szene persönlich, nicht zuletzt dank den Aktivitäten des Vereins Reh4, der die kleinen Läden, Bars und Musiklokale rund um die Feldbergstrasse vernetzt und ihnen mit gemeinsamen Auftritten mehr Sichtbarkeit verleiht. Mit der Lancierung des Gründerzentrums beweist Wyss Spürsinn für städtische Entwicklungen.
Inzwischen wurde die Bedeutung der Kreativwirtschaft ja auch von der Basler Verwaltung wahrgenommen, eine entsprechende Studie ist erschienen (siehe ProgrammZeitung, Ausgabe 7–8/10), und es bleibt zu hoffen, dass der Aufwand dafür konkretere Folgen zeitigen wird als vergleichbare Papiere zu anderen Basler Baustellen.
Gleich hinter dem Bahnhof St. Johann steht auch der neue S-Bahnhof, dazwischen liegen die Geleise. Hier hält die S-Bahn von Basel nach Frankreich, derweil der vorbeibrausende TGV die Vorhänge der Gartenhäuschen flattern lässt – Paris ist nur drei Stunden entfernt. Das Bistro wird ein stimmiger Ort, um sich bei einem Glas Wein dem Fernweh hinzugeben und zugleich Heimatgefühle zu kultivieren.

 

Stellwerk im Bahnhof St. Johann, Vogesenplatz 1 Eröffnungsfest: Sa 4.12., Programm: www.stellwerkbasel.ch

 

Weitere Infos: www.reh4.ch. Die Studie zur Kreativwirtschaft kann für  CHF 40 bezogen werden bei: awa@bs.ch

 

(Heft November 2010, S. 19)